Pacific News 10 Januar/Februar 1998
Die dynamische Entwicklung
der marktwirtschaftlich orientierten Länder Ost- und Südostasiens
setzte zunehmend Maßstäbe. Allen voran konnte die Gruppe der
Newly Industrializing Countries (NICs), der Singapur, Hongkong, Taiwan,
Südkorea und Malaysia angehören, in den letzten drei Jahrzehnten
beachtliche ökonomische Erfolge erzielen. Die Wachstumsdaten dieser
Volkswirtschaften wurden weltweit als Vergleichskriterien für die
eigene wirtschaftliche Entwicklung entdeckt und erfüllten oftmals
bereits eine Vorbildfunktion. Die für Unternehmen günstigen Wirtschaftsbedingungen
lockten durch ihre Kontinuität in zunehmender Zahl ausländische
Investoren an, und kaum jemand erwartete ernsthafte Einbrüche des
Aufwärtstrendes in den kommenden Dekaden. Doch die Asien-Euphorie
erhielt unlängst einen kräftigen Dämpfer: In den zurückliegenden
Monaten verloren die Ökonomien der Region ihre Stabilität, die
Exportzuwächse sanken, die Defizite in den Handelsbilanzen stiegen
auf Rekordhöhe, die Landeswährungen brachen zusammen, Firmengewinne
sanken und die Immobilienmärkte erwiesen sich als aufgeblasen. Die
Medien sprachen verblüfft von der "Hongkong-Grippe" und der "Übertragungsgefahr"
auf Nachbarländer oder vom eingetretenen "Schneeball-Effekt" der wirtschaftlichen
Krise in Thailand.
Auf einmal scheint das bisher
so zuverlässig konstante Wachstum der NICs in Frage gestellt, und
es droht eine Phase der wirtschaftlichen Stagnation: Südostasien befindet
sich in einer ernsten Krisenlage. Die Suche nach den Gründen für
diese Entwicklung fördert ein komplexes Ursachengeflecht zutage. Die
Erreichung und Sicherung eines (bedingungslos) hohen Wirtschaftswachstums
war (und ist) das zentrale Zierl der staatlichen Wirtschaftspolitik der
betroffenen Länder. Die Realisierung dieses Wachstums gelang durch
exportorientierte Industrialisierung. Durch den massiven Ausbau industrieller
Produktionsstrukturen förderten die Regierungen vielfältig den
sektoralen Strukturwandel und versuchten eine international wettbewerbsfähige
Industrie aufzubauen. Von der Weltmarktintegration wurden entscheidende
Wachstumsimpulse erwartet. Die Strategie der Exportindustrialisierung war
zweiphasig aufgebaut: In der ersten Phase brachten die Länder ihre
Standortvorteile ein (vor allem das niedrige Lohnniveau) und konzentrierten
sich auf arbeitsintensiv hergestellte Produkte des Konsumgüterbereichs.
In der zweiten Phase folgte der technologisch-wirtschaftliche Wandel, und
der Aufbau von Industriezweigen mit hoher Humankapital- und Technologieintensität
wurde angestrebt. Eine wichtige Rolle in dieser Strategie kam den ausländischen
Direktinvestitionen in der Region zu. Um die Attraktivität der Länder
für diese Zielgruppen zu steigern, erfolgte eine (zu) enge Währungsbindung
an den US-Dollar. Diese feste Dollar-Kopplung garantierte (einst) Währungsstabilität
und schaffte die Vertrauensbasis für das folgende starke ausländische
Engagement in Südostasien. Besonders Japan lagerte seine arbeitsintensiven
Industrien aus und benutze die Region als verlängerte Werkbank, profitierte
von der Stärke des Yen gegenüber dem Dollar. Doch der Dollar-Höhenflug
der letzten zweieinhalb Jahre und die ausgeprägte Yen-Schwäche
mit einer Abwertung um 50 Prozent haben den Standortvorteil der Region
für japanische Unternehmen drastisch absinken lassen. Die Währungen
waren überbewertet, die einst billigen Exporte nicht mehr weltmarktfähig.
Die derzeitige Krise zeigt aber vor allem innerstaatliche Mißstände:
In vielen Ländern Asiens
sind Staat und Wirtschaft unüberschaubar miteinander verwoben. Korruption
und Vetternwirtschaft haben "epidemische" Ausmaße angenommen, Machtmißbrauch
sowie moralischer Verfall greifen zunehmend um sich. Die Kontrolle des
enorm expandierten Finanzsektors ist mangelhaft, und Krisen werden systematisch
verschleppt.
Die gesellschaftlichen Disparitäten
steigen. Kann man den Weltentwicklungsberichten zwar entnehmen, dass in
den letzten Jahrzehnten ein überragender Rückgang der unter der
"Armutsgrenze" Lebenden im statistischen Länderdurchschnitt stattgefunden
hat, so zeigt die Realität große Ungleichgewichte bei der Ertragsverteilung
und stellenweise eine Verschärfung der Armutsproblematik. Zudem führte
die forcierte ökonomische Entwicklung zu einem Umbau der Gesellschaften.
Die Beteiligung der früher überwiegend ländlichen Bevölkerung
am Industrialisierungsprozess führte zu Migrationsbewegungen und Verstädterung.
Die Umwelt ist einer wachsenden
Belastung ausgesetzt. Wachstum ohne Rücksicht auf Umweltschädigung
ist immer noch viel zu häufig wirtschaftspolitische Maxime. In zehn
von elf asiatischen Metropolen übersteigt die Luftverschmutzung die
Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation um das Dreifache. Ungekärt
in Flüsse und Seen abgeleitete toxische Fabrikabwässer verseuchen
die Wasserkörper zwanzig mal so stark wie in den westlichen Industrienationen.
Die Finanzkrise trifft die
Länder Ost- und Südostasiens zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
Viele Regierungen hatten begonnen, mit Hilfe von Entwicklungsprogrammen
für ihre jeweiligen vernachlässigten und unterentwickelten Regionen
sowie ansatzweise auch mit Umstrukturierungsprozessen ihrer Wirtschaft
solide Fundamente für die zukünftige Entfaltung zu bauen. Nach
Schätzungen der Weltbank söllten im asiatisch-pazifischen Wachstumsraum
in den kommenden zehn Jahren allein Infrastruktur-Projekte in Höhe
von rund 1,5 Billionen US-Dollar fällig werden. Doch die nun angespannte
Haushaltslage der betroffenen Staaten wird zu gravierenden Einschränkungen
bei der Verwirklichung der Planungskonzepte Führen. Interessant ist
die Frage, welche Wirkung die Krise auf den ASEAN-Staaten-Verbund (Association
of Southeast Asian Nations) haben wird. Die effektive Zusammenarbeit zur
allseitigen Entwicklung, die im Gründungsdokument verankert ist, leidet
unter dem zunehmenden Wettbewerb um die vorhandenen Ressourcen und Güterabsatzmärkte.
Die früher proklamierte industrielle Kooperation ist bisher kaum verwirklicht
worden, und die im Juli 1997 vollzogene Erweiterung auf neun Mitgliedsländer
sollte zwar 30 Jahe nach Gründung der ASEAN Geschlossenheit und Gestaltungswillen
demonstrieren, wird aber zum jetzigen Zeitpunkt im Spannungsfeld der in
Bewegung geratenen Strukturen für weitere Brisanz sorgen. Die eher
parallel als komplementär ausgestatteten Wirtschaften der Mitgliedsländer
machen diese zu Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Ungekärte Fragen (z.B.
Ölvorkommen im Meer, die von mehreren Mitgliedsländern beansprucht
werden) könnten zu Auslösern für Konflikte werden. Auch
eine Spaltungsgefahr der ASEAN-Länder wird zunehmend perzipiert.
Das selbstbewußt proklamierte
"Pazifische Jahrhundert" scheint vorerst zumindest in Frage gestellt; die
"Pazifische Herausforderung" entwickelt sich anders als von vielen erwartet.
Ernüchterung macht sich breit, und schon spricht man von einer Ünberschätzung
der asiatischen Wachstumsmärkte.
Pacific News 10 Januar/Februar 1998